Euro = Teuro?

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von K. Kienle, J. Kratzer, J. Thurner



Seit der Euroeinführung am ersten Januar 2002 hält sich die Annahme in der allgemeinen Bevölkerung, der Euro habe die Preise für Waren
und Dienstleistungen in die Höhe getrieben, die Gehälter und Löhne seien jedoch nicht so stark gestiegen
.
Über zwölf Jahren nach der Währungsumstellung sollen jetzt verschiedene Faktoren beleuchtet und ein Vergleich gezogen werden – zehn
Jahre vor und nach der Währungsumstellung. Der Euro als „finanzielle Belastung“?



Das Kunstwort „Teuro“ - zusammengesetzt aus „Euro“ und „teuer“ - steht seit der Geburtsstunde des Euros nicht nur umgangssprachlich für die Währung,
sondern bringt auch die „gefühlte“ Inflation der allgemeinen Bevölkerung auf den Punkt. Das Ergebnis? Der Euro ist unbeliebter denn je. Laut aktuellen
Umfrageergebnissen der ARD wünschen sich mehr als die Hälfte aller Befragten die D-Mark zurück. Schuld daran ist unter anderem das Gefühl, dass
mit dem Euro nicht nur eine neue Währung, sondern auch neue Preise eingeführt wurden.

Keine Wucherpreise

Um Teuerungen abzubilden, wird in der Wirtschaft häufig der Verbraucherpreisindex angegeben. Diese Indexzahlen geben die Preisentwicklung aller
Waren und Dienstleistungen, die von privaten Haushalten zu Konsumzwecken gekauft werden, an. Die Überraschung - bei einem Vergleich des prozentualen
Anstiegs des Index vor und nach dem Euro fällt auf: Der Preisindex für die Lebenshaltung ist nach der Euroeinführung um 5% weniger angestiegen als die
zehn Jahre vor dem Euro. Das heißt für den Verbraucher: Die Waren- und Dienstleistungspreise stiegen langsamer als vor dem Euro, plötzliche
Wucherpreise nach der Euroeinführung waren nicht die Regel.


Keine Geldverschwendung

Wie kommt es dann, dass eine Vielzahl der deutschen Bevölkerung das Gefühl hat weniger Geld in der Geldbörse zu haben? Dafür sollen noch
andere Faktoren betrachtet werden. Eine Erklärung könnte in den Konsumausgaben liegen. Wie die Grafik belegt, ist es zutreffend, dass die
Bevölkerung immer mehr Geld ausgibt bzw. ausgeben muss. Teuerster Faktor sind die Ausgaben für Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere
Brennstoffe. Ausgaben für Luxusgüter wie Bekleidung, Schuhe und Einrichtungsgegenstände nehmen den geringsten Anteil ein. Jedoch sind die
Ausgaben nach 2002 prozentual nicht stärker gestiegen als die Jahre zuvor.

Weniger Gehaltserhöhungen

Die Ausgaben decken, müssen die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer. Im letzten Jahr standen diesen dafür rund 750 Milliarden Euro zur
Verfügung. Ein deutlicher Anstieg, wenn man es mit den 496 Milliarden Euro von 1991 vergleicht. Trotzdem ist es der gegebene Fall, dass sich
der deutsche Arbeitnehmer nach der Euroeinführung mit einem 3% geringeren Lohn- und Gehaltsanstieg begnügen muss als in den Jahren vor
dem Euro.


Anstieg an Privatinsolvenzen

Ein weiterer ergänzender Faktor, der Auskunft über die finanzielle Lage eines Landes geben kann, sind Insolvenzstatistiken. Zu unterscheiden
gilt es Unternehmensinsolvenzen und Verbraucherinsolvenzen. Diese zeigen für Deutschland eine klare Entwicklung auf. Während zwischen
1991 und 2001 noch der Großteil der Gesamtinsolvenzen Unternehmensinsolvenzen darstellten, wendete sich der Trend nach 2002. In den
letzten elf Jahren stieg der Anteil an Privatinsolvenzen drastisch an. Dieser Umstand würde die Annahme untermauern, dass sich durch
Preissteigerungen die Einnahmen der Unternehmen erhöht haben, es diesen also finanziell besser geht, die zahlende Bevölkerung jedoch
mehr Geld aufwenden muss.




Die Annahme, dass der Euro als Preistreiber für Waren und Dienstleistungen fungierte, konnte anhand des Verbraucherpreisindex
nicht bestätigt werden. Es ist nicht alles teurer geworden. Zumindest nicht mehr, als vor dem Euro auch schon. Jedoch gibt es seit
der Euroeinführung immer mehr Menschen, die immer weniger finanzielle Mittel besitzen, bis hin zur Privatinsolvenz. Ob und in
welchem Maße der Euro hier zur „finanziellen Belastung“ wurde, ist schwer zu sagen. In der Regel versteht sich die deutsche
Bevölkerung darauf, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu wirtschaften, wie das Verhältnis von Einkommen und
Konsumausgaben belegt. Eine gute Voraussetzung, der „gefühlten“ Inflation mit dem Gefühl für den Umgang mit Geld entgegenzutreten.





Externe Links und Anmerkungen zu den Grafiken

Beitrag Euro-Umfrage: http://homment.com/ard-zensiert-euro

Statistisches Bundesamt: http://www.destatis.de


Links zu den Google Spreadsheet-Seiten:

Insolvenzen und Unternehmensentwicklungen: https://docs.google.com/spreadsheet/ccc?key=0AnPzfJCiX5kidEluVEIwMk1lZ1RQR0lWOHZMRURvanc#gid=0
Anmerkung: Aus den Unternehmensinsolvenzen wurden die Gewerbean- und -abmeldungen herausgerechnet. Aus den Nicht-Unternhemensinsolvenzen wurde der Bevölkerungsanstieg herausgerechnet.
Nicht-Unternehmensinsolvenzen sind Privatinsolvenzen (Qualitätsbericht).
Anmerkung: die Zahlen zu Gewerbean- und -abmeldungen von 1995 bis 2005 wurden beim statistischen Bundesamt telefonisch angefordert.
Die Jahre zuvor (1991-1994) wurden nicht vom Bund, sondern von den Ländern erhoben. Da uns aber nicht alle Länder, trotz Anfrage, Daten zukommen haben lassen, wurde die Tendenz nur stichprobenartig überprüft.


Prozentuale Entwicklungen: Konsumausgaben, Nettoeinkommen, Haushalte: https://docs.google.com/spreadsheet/ccc?key=0AnPzfJCiX5kidE5scWxyM0MtTGRmdnpvcjVPbnNoakE#gid=0
Anmerkung: Bei den bereinigten Werten wurden aus den Konsumausgaben der Anstieg der Haushalte rausgerechnet.
Die Konsumausgaben beziehen sich immer auf Haushalte (Qualitätsbericht)
Anmerkung: Arbeitnehmerentgeld, Löhne und Gehälter werden je nach Anzahl der Stunden der Beschäftigung in Stufen eingeteilt und am Schluss durch eine Hochrechnung einander angeglichen (Qualitätsbericht).
1991 existieren zwei Werte: einer vor und einer nacht der VGR-Revision.


Preisindizes zur Lebenshaltung: Verbraucherpreisindex: https://docs.google.com/spreadsheet/ccc?key=0AnPzfJCiX5kidFd0RWEyT1FvRGJYckNXWTVUZE9PaGc&usp=drive_web#gid=0