Interview zu OER im Unterricht

Aus ExploreCreateShare-Wiki
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- An welcher Stelle / in welchem Kontext Ihrer Arbeit setzen Sie OER ein?
Zu meiner Person: Mein Name ist André Spang, ich bin Oberstudienrat mit den Fächern Katholische Religion und Musik an der Kaiserin-Augusta-Schule, einem Gymnasium in Köln und habe Lehraufträge an der Fachhochschule Köln und am IMB der Universität Augsburg. Außerdem bin ich Musiker und Komponiere - soweit dafür Zeit bleibt.
Einsatz von OER: Ich arbeite in meinem Unterricht seit 2009 intensiv mit offenen Lernplattformen wie einem Mediawiki, dem KAS-Wiki oder Weblogs. 2012 ergab sich die Möglichkeit zusammen mit dem Amt für Schulentwicklung der Stadt Köln und dem Amt für Informationstechnologie ein sogenanntes SchulWiki-Köln für alle Schulen der Region zu entwickeln. Auf allen Plattformen erstelle ich zusammen mit meinen Lernenden aktiv OER, also freie Bildungsmaterialien unter "Creative Commons - Share Alike 3.0" Lizenzen. Dies versuche ich auch in der Lehre mit Studierenden entsprechend zu praktizieren. Privat nutze ich ein eigenes Mediawiki, das Explore.Create.Share-Wiki auf dem ich meine gesamte Arbeit, Vorträge und Aufsätze, aber auch Projekte im Bereich Bildung, Musik und (Lern-)Technologie unter cc-by-sa3.0 veröffentliche. Für mich ist dieses Wiki eine Art "mobiles, offenes Büro" und "digitaler, öffentlicher Zettelkasten". Darüber hinaus blogge ich zu verschiedenen Themen auf mehreren Blogs. Hier geht es vor allem um schulischen Unterricht und um ein iPad-Projekt, das ich seit 2011 an meiner Schule betreue. Mein Motto "Explore.Create.Share" versuche ich also beruflich und persönlich selbst zu leben - soweit dies eben geht. In der heutigen, digitalen Gesellschaft ist es eine riesige Chance, Wissen und Fähigkeiten zu teilen, um voneinander und miteinander lernen zu können. Wissen und Informationen in einem einzelnen Gehirn herum zu tragen, auf einer lokalen Festplatte oder als Papierordner in ein Regal zu stellen ist eine verspielte Chance.


- Ist es aus Ihrer Sicht schwierig, geeignete OER zu finden, und wie gehen Sie dabei vor?
Frei veränderbare OER, die ich in meinem Unterricht oder in Lehrveranstaltungen direkt einsetzen kann zu finden, ist in der Tat gar nicht so einfach. Viele Materialien, die man findet muss man verändern und der jeweiligen Situation und Lerngruppe entsprechend anpassen. Im Bereich des Religionsunterrichts habe ich schon oft auf die Plattform rpi-virtuell zurückgegriffen, natürlich schaut man als Lehrender auch traditionell bei Wikipedia oder Wikiversity vorbei und auch YouTube ist ein Fundus. Hier muss man natürlich schon aufpassen, denn Vieles ist dabei weit von OER entfernt. Als "iPad-Lehrer" nutze ich auch iTunesU oder auch Podcasts. Auch die Learnline.nrw der Bildungsserver, EDUtags und selbstverständlich die großartige ZUM.de bieten viele, sehr gute Materialien, die ich auch direkt auf unsere Wikiplattformen einbinden und weiter bearbeiten kann. Mittlerweile habe ich mir ein großes, persönliches Lernnetzwerk über Twitter und auch Facebook und Google+ aufgebaut. Diese Netzwerke sind ein Fundus für Materialien und Tipps aller Art. Hier lerne ich mehr denn je und kann Vieles davon im Unterricht oder als persönliche Anregung nutzen, um weitere Gedanken und Ideen zu entwickeln. Der Großteil der Materialien ist (leider) immer noch in Englischer Sprache, wenn ich zum Beispiel auch an Angebote wie die P2PU denke. Ein großes Thema sind natürlich geeignete Bilder zur Illustration: Gerade wenn meine Lernenden zum Beispiel Wikiartikel oder Präsentationen aber auch Movies, Stopmotions oder Lernvideos erstellen, benötigen sie viele Bilder. Hier werden wir meist auf Wikimedia Commons fündig. Diese Plattform bietet die Möglichkeit die Bilder auch direkt ohne lästigen Up- und Download in unsere Mediawikis einzubinden. Dann sind die Lernenden auch gleich rechtlich auf der sicheren Seite, da die Lizenzen dann unverändert übernommen werden, der physische Speicherort ist ja immer noch die Wikimedia Commons, denn die Bilder sind zwischen den Wikis nur verlinkt. Bei Creative Commons gibt es eine Bildersuche, die es komfortabel ermöglicht bei verschiedenen Bilderplattformen (z.B. Flickr) nach CC-BY-lizenzierten Bilder zu suchen. Dies ist auch für die Lernenden recht gut zu verstehen. Jemand, der sich aber im Bereich der Lizenzen nicht auskennt, wird schnell entmutigt sein oder sich nicht an die Nutzung, Erstellung und vor allem Verbreitung von OER trauen. Hinzu kommen dann auch Bedenken hinsichtlich der Qualitätssicherung.


- Inwiefern unterscheidet sich der Einsatz von OER für Sie vom Einsatz nicht freigegebenen Materials?
Wenn mit "nicht freigegebenem Material" die traditionellen Schulbücher gemeint sind, kann sich in diesem Fall der Lehrende sicher sein, dass er diese Materialien entsprechend der rechtlichen Vorgaben einsetzen kann, ohne sich weitere Gedanken machen zu müssen. Diese Materialien sind entsprechend qualitätsgesichert und sie decken die stofflichen Vorgaben der Lehrpläne ab.

- Haben Sie auch selbst schon einmal OER erstellt, und falls ja, welche Form(en) der Nachnutzung haben Sie warum und wie erlaubt?
Wie oben bereits genannt, ist das meine tägliche Arbeit und vor allem auch die Arbeitsweise die ich mit meinen Lernenden verfolge: Kreative und konstruktive Nutzung der digitalen Medien und das Teilen von Ressourcen, Informationen und Wissen auf offenen Plattformen und in Netzwerken. Die Nutzungslizenz ist dann in der Regel die cc-by-sa3.0 oder die cc-by-sa-nc3.0. Das Erstellen von Materialien entspricht aber schon immer der Arbeitsroutine der Lehrenden, die viele Materialien selbst kreieren oder Vorgegebenes verändern und dabei auch mit dem Urheberrecht unwissentlich oder wissentlich "in Berührung" kommen. Als Musiklehrer habe ich auch schon immer, um zum Beispiel aktuelle Songs zusammen mit den Lernenden musizieren zu können, selbst Stücke transkribiert und/oder arrangiert. Schade nur, dass viele Materialien die da entstehen und somit unendlich viele Arbeit die dazu geleistet wurde nicht weitergegeben wird oder weitergegeben werden kann. Eine anonyme Umfrage, die ich zum Thema OER unter Kolleginnen und Kollegen verschiedener Schulen gemacht habe, zeigt auch klar, dass das Wissen um OER fehlt, die Bereitschaft Materialien weiter zu geben und zusammen zu arbeiten aber grundsätzlich stark vorhanden ist. Ich denke aber, die Entwicklungen gerade im Bereich der Digitalität und des mobilen Internets wird im Hinblick auf Kollaboration und OER in naher Zukunft Einiges auf den Weg bringen. Ich für meinen Teil werde auf jeden Fall mit meinen Lernenden viele freie Materialien erstellen und nutzen, gerade haben wir z.B. ein eBook zum Eucharistiejahr in Zusammenarbeit zwei verschiedener Klassen im Fach Religion erstellt und bieten es unter cc-by-sa3.0 zum Download an. Auf dem SchulWiki Köln etablieren wir gerade einen speziellen OER-Bereich mit qualitätsgesicherten Materialien und eine große Veranstaltung für den Raum Köln das "OER Köln - Camp" ist im September geplant. Im Bereich OER und speziell im Zusammenhang OER und MOOCs, also Massive Open Online Courses will ich weiterhin aktiv sein. Dazu gab es Anfang des Jahres einen "OER-Flashmob" den ich zusammen mit Jörg Lohrer von rpi-virtuell im Rahmen des MMC13 veranstaltet hatte und vor einigen Wochen ein Webinar beim "COER13" zum Themenfeld "OER selbst machen" und "Tools zum Erstellen von OER". Es bleibt spannend!


- Gibt es aus Ihrer Sicht einen grundsätzlichen Qualitätsunterschied zw. OER und nicht freigegebenen Materialien?

Nicht freigegebene Materialien sind in der Regel gebunden ;). Nun ja, wie erwähnt sind die nicht freigegebenen Materialien natürlich qualitativ hoch anzusiedeln und mehr oder weniger bedenkenlos einzusetzen. Sie passen aber nicht mehr mit einer "Remixkultur" und einer "Kultur des Teilens" zusammen. Hier muss ein Bindeglied, ein Andocken geschafft werden. Das wird auch nicht ganz leicht sein - vielleicht eine Art Kombination von nicht freigegebenen also Copyright-Materialien die mit cc-by Materialien online gekoppelt sind. Die Entwicklung im Bereich der "digitalen Schulbücher" geht ja schon ein wenig in diese Richtung, wenn es hier auch noch viel zu entwickeln gibt. Ich denke aber, dass sich einhergehend mit einer veränderten Lernkultur und mit neuen Formen des Lehrens und lebenslangen Lernens auch die Bildungsmaterialien ändern werden.